Initiative für eine kantonale Elternzeit

Wir schreiben das Jahr 2020 und im Kanton Bern können wir von einer Elternzeit nur träumen. Für echte Gleichstellung müssen wir raus aus der Steinzeit und endlich die Elternzeit gesetzlich verankern. Bürgerliche Mehrheitsverhältnisse blockieren die lang erwartete Elternzeit auf nationaler Ebene. Deshalb braucht es jetzt eine Lösung für den Kanton Bern. Damit nationale Versäumnisse einem wichtigen Schritt in Richtung echter Gleichstellung nicht im Weg stehen.  Selbst beim längst fälligen Vaterschaftsurlaub wird um jeden einzelnen Tag gefeilscht.  Die SP geht darum in die Gegenoffensive und erarbeitet eine Initiative für eine echte Elternzeit im Kanton Bern. Das nützt den Familien, den Unternehmen und der Volkswirtschaft. Und bringt den Kanton als Gesamtes voran.

Familien mit kleinen Kindern sind im heutigen System extrem gefordert. Heute reduzieren vor allem Frauen ihre Arbeitszeit ab der Geburt des ersten Kindes stark – und oft für lange Zeit. Sie übernehmen den Löwinnenanteil an unbezahlter Betreuungs- und Hausarbeit. Dafür bezahlen sie mit Lohneinbussen, Einbussen bei den Sozialversicherungen und tieferen Renten. Kinderbetreuung ist also auch heute nicht gratis – sondern wird von den Familien und insbesondere den Müttern über unbezahlte Arbeit finanziert.Wir dürfen die wichtige, unbezahlte Arbeit der jungen Familien nicht mehr unter den Tisch wischen! Um sie zu erledigen, brauchen Mütter und Väter eine bezahlte Auszeit von der Lohnarbeit. Darum haben die Delegierten am Parteitag der SP Kanton Bern vom 4. Dezember 2019 beschlossen, dass die Parteileitung eine kantonale Initiative für eine echte Elternzeit erarbeiten soll.

Gesellschaftliche Wirkung erst ab 38 Wochen

Es ist klar: Jeder zusätzlicher Tag „Urlaub“ für Eltern ist ein Gewinn für die Familien.  Studien zeigen aber, dass eine gesamtgesellschaftliche Wirkung erst ab 38 Wochen richtig einschenkt. Denn erst dann hat eine Elternzeit positive Auswirkungen auf den Beschäftigungsgrad der Mütter. Daher wären zusätzlich zu den bereits bestehenden 14 Wochen Mutterschaftsversicherung mindestens weitere 24 Wochen Elternzeit notwendig. Davon sollen eine bestimmte Anzahl Wochen exklusiv für den Vater reserviert sein. Die verbleibenden Wochen könnten die Eltern frei unter sich aufteilen.

Eine Elternzeit bringt viele Vorteile. Mütter und Väter haben die Möglichkeit, mehr Zeit mit ihrem Kind zu verbringen und die Betreuungs- und Hausarbeit gleichberechtigt zu teilen. Väter haben von Anfang an eine Rolle im Leben der Kinder und können mehr Verantwortung Zuhause übernehmen. Umgekehrt können Mütter Familie und Beruf besser vereinbaren, sind finanziell unabhängiger und werden am Arbeitsplatz weniger aufgrund von Mutterschaft diskriminiert. Viele andere Länder kennen bereits solche Lösungen. Es zeigt sich dort, dass Elternzeit neben den Vorteilen für Familie und Gesundheit auch positive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft und die Steuereinnahmen hat. 

Eine Chance für den Kanton Bern

Die Kantone spielten schon immer eine wichtige Rolle bei der Einführung von sozialen Reformen, das ist einer der Vorteile des Föderalismus. Beispiele dafür sind die AHV, das Frauenstimm- und -wahlrecht oder der Mindestlohn. Der Kanton Bern könnte mit anderen progressiven Kantonen in der Familienpolitik vorangehen und damit auch den Druck auf eine nationale Lösung erhöhen.

Es wäre aber auch eine Chance für den Kanton Bern. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels haben grosse, hochprofitable Unternehmen verstanden, dass eine moderne Familienpolitik in ihrem Interesse ist und gehen schon heute oft weiter als das gesetzliche Minimum. Für KMU’s hingegen ist es schwieriger, solche Massnahmen ohne staatliche Unterstützung einzuführen. Damit haben sie im Rennen um Fachkräfte das Nachsehen. Eine echte Elternzeit wäre also auch ein Vorteil für die kantonale Volkswirtschaft. Und eine familienfreundliche Politik, die die Volkswirtschaft stärkt, wäre nicht zuletzt auch eine Alternative zum schädlichen Steuerwettbewerb.